Jüdisches Mainz

Magenza & SchUM

Neben den rheinland-pfälzischen Städten Speyer und Worms gehört Mainz zu den sogenannten SchUM-Städten. Die Abkürzung SchUM steht für  die Anfangsbuchstaben der mittelalterlichen, hebräischen  Namen von Speyer, Worms und Mainz. Alle drei Städte verbindet ein bedeutendes jüdisches Erbe, mit dem sie sich um den Titel des UNESCO Weltkulturerbes bewerben werden.

Bereits seit dem 10. Jahrhundert bildeten sich jüdische Gemeinden in Mainz, Worms und Speyer. Damit gehören sie zu den frühesten nachweisbaren Gemeinden in Mittel- und Osteuropa. Durch sie wurden Kultur, Religion und Rechtsprechung in der aschkenasischen, d.h. der mittel- und osteuropäischen Diaspora (=“Verstreuung“) wesentlich geprägt. Ein Zitat von ca. 1200 des jüdischen Gelehrten Isaak Or Sarua (gestorben ca. 1250) bestätigt die Bedeutung der Region: „Wie sehr gehören unsere Lehrer in Mainz, in Worms, und in Speyer zu den gelehrtesten der Gelehrten, zu den Heiligen des Höchsten…von dort geht die Lehre aus für ganz Israel….seit dem Tage ihrer Gründung richten sich alle Gemeinden nach ihnen, am Rhein und im ganzen Land Aschkenas“.

Im späten 10. Jahrhundert war Mainz ein Zentrum für jüdische Kultur und Gelehrsamkeit, das sogar eine jüdische Hochschule umfasste, an der der Rabbiner Jehuda ben Meir gen. Leontin lehrte. Er begründete das systematische Talmudstudium in Mitteleuropa. Einer seiner Schüler war der aus Mainz stammende Rabbi Gerschom ben Jehuda (um 960 bis 1028 oder 1040), der zum einflussreichsten Talmudlehrer des aschkenasischen Judentums wurde. Rabbi Gerschom ben Jehuda wurde mit dem Ehrentitel „Leuchte der Diaspora“ ausgezeichnet, nachdem er entscheidende Gutachten zu religiösen Rechtsfragen geschrieben hatte. Das Briefgeheimnis, das Verbot der Vielehe und eine Reform des Scheidungsrechtes sind auf sein Wirken zurückzuführen.

Auch in Worms entstand schließlich eine jüdische Hochschule. So entwickelte sich in Mainz, Worms und Speyer eine Vorreiterrolle in der Gelehrtentradition des aschkenaischen Judentums. Im Jahr 1146 wurde den Rabbinern aus Speyer, Worms und Mainz auf einer Versammlung in Troyes die höchste Autorität in religiös-kultischen und rechtlichen Fragen zugestanden. Ihre erarbeiteten Vorschriften galten als verbindlich und wurden als „Takkanot-Schum“ in einer Rabbiner-Synode 1220 in Mainz niedergeschrieben.

Die SchUM-Städte blieben bis Mitte des 13. Jahrhunderts zentrale Orte des mitteleuropäischen, aschkenasischen Judentums. Nach Pogromen und Vertreibungen verloren die Gemeinden zwar an überregionaler Bedeutung, doch ihr Ansehen als Orte und Räume der Erinnerung und Gelehrsamkeit ist bis heute ungebrochen. SchUM konnte sich auch nach den Katastrophen des 14. Jahrhunderts wieder als wesentliches Zentrum der Gelehrsamkeit etablieren. In Worms wirkte diese Tradition bis in die Neuzeit fort, in Mainz wurde sie wiederbelebt.

Gelehrsamkeit war Teil des Lebens in den Synagogen, Lehrhäusern und Judenvierteln von SchUM und drückt sich auch in den Begräbnisstätten dieser Gelehrten auf den Friedhöfen von SchUM aus. Hinzu kommt eine bedeutende erzählerische Kultur in den SchUM-Städten. Diese Legenden und Überlieferungen zeigen: Es gab einen regelrechten jüdischen Lokalpariotismus den SchUM-Städten gegenüber. SchUM bedeutet, einem großen jüdischen Erbe anzugehören.

SchUM ist in Europa sowie der Welt in verschiedenster Weise präsent und wird so von Generation zu Generation weitergetragen.

Aufgrund der zahlreichen Zerstörungen sind in Mainz weder vom frühneuzeitlichen jüdischen Viertel noch vom mittelalterlichen Ghetto steinernen Zeugnisse bekannt. In großen Teilen ist hingegen der mittelalterliche Friedhof »Judensand« an der Mombacher Straße erhalten. Vertreibungen der Juden führten jedoch immer wieder zu Räumungen und Umgestaltungen des »Ewigen Ortes« und damit zu gravierenden Verlusten an Grabsteinen. Seit den 1860ern kamen bei Bauarbeiten in Mainz immer wieder bedeutende Grabsteine von Juden ans Tageslicht. Der Denkmalfriedhof dokumentiert, wie zentral und wichtig Magenza war und ist; ein solcher Denkmalfriedhof ist einzigartig in der jüdischen Welt. Im Landesmuseum Mainz existiert eine Judaica-Abteilung, die ein neues Erscheinungsbild erhalten und sich weit mehr auf SchUM beziehen soll.

Eine Führung zum Thema "Magenza - Das jüdische Mainz" kann gerne auf Anfrage gebucht werden.

Mehr Informationen finden Sie auf der Webseite der SchUM-Städte.


Neue Synagoge

Mainz ist eine der ältesten und traditionellsten jüdischen Gemeinden in Europa. Im Mittelalter war die Stadt Zentrum jüdischer Lehre und Religion. Die 1912 nach dem Entwurf des Stuttgarter Architekten Willy Graf errichtete Hauptsynagoge an der Kreuzung von Hindenburg- und Josefsstraße wurde in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 geplündert und in Brand gesetzt.

Inzwischen ist die Jüdische Gemeinde Mainz wieder auf ca. 1.000 Mitglieder angewachsen, insbesondere durch Zuzug aus den Ländern Osteuropas. Da die Räumlichkeiten der Jüdischen Gemeinde zu klein geworden waren, setzte sie sich das Ziel, am Standort der ehemaligen Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße ein neues Gemeindezentrum zu errichten. Die Pläne hierfür stammen aus der Feder des Kölner Architekten Manuel Herz. Die Stadt Mainz unterstützte dieses Vorhaben tatkräftig.

"Kedushah" ist das hebräische Wort eines Segensspruchs für "Heiligung", dessen fünf Buchstaben der neuen Synagoge in Mainz ihre Form geben und sie gliedern. Die Architektur mit ihrer eigenständigen Formensprache und den von grün glasierten Keramikprofilen bedeckte Fassadenflächen wendet sich bewusst von gewohnten Bauformen und -materialien ab. Manuel Herz schließt den Bogen vom Mittelalter zur Gegenwart ohne direkte Bezugnahme auf Verfolgungen, Pogrome und den Holocaust. Vielmehr basiert sein architektonisches Werk auf überlieferten Texten der Tora.

Durch die auf dem Vorplatz stehenden Fragmente der Säulenhalle des Vorgängerbaus entsteht zudem eine Verbindung zwischen der zerstörten Hauptsynagoge von 1912 und der heutigen Synagoge.

Einweihung der Neuen Synagoge Mainz im Jahr 2010
Die offizielle Eröffnungsfeier fand am Freitag, 3. September 2010 statt. Zu der Veranstaltung luden die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Stella Schindler-Siegreich, Ministerpräsident Kurt Beck und der Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel gemeinsam ein.

Zahlreiche geladene Gäste aus dem In- und Ausland, ehemalige Mainzer Juden, Zeitzeugen und Gemeindemitglieder nahmen an der Feier teil, unter anderem Bundespräsident Christian Wulff und der Botschafter des Staates Israel Yoram Ben Ze’ev . Am Tag der offenen Tür im September 2010 besuchten Hunderte von interessierten Mainzerinnen und Mainzern das neue Gotteshaus. Die Eröffnungsfeier begann mit der Anbringung der Mesusa am Haupteingang der Synagoge durch Rabbiner Julian-Chaim Soussan und dem anschließenden Einzug mit den Torarollen in den Gebetsraum.

Nach der Begrüßung durch Stella Schindler-Siegreich sprachen Bundespräsident Wulff, Ministerpräsident Beck, Oberbürgermeister Beutel, die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sowie Dr. Fritz Weinschenk, ein 1920 in Mainz geborener Jude, der aus New York angereist war. 98 Jahre nach der Einweihung der Hauptsynagoge in Mainz am 3. September 1912 und rund 70 Jahre nach ihrer Zerstörung durch die Nationalsozialisten hat die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt wieder ein sichtbares Zeichen für ein neues lebendiges Judentum. Die Postanschrift des neuen jüdischen Gemeindezentrums am geschichtsträchtigen Ort wurde von Hindenburgstraße in „Synagogenplatz“ umbenannt.


 Mainz Neue Synagoge Mainz Neue Synagoge

Kontakt

Neue Synagoge
Synagogenplatz (Ecke Hindenburgstraße/Josefsstraße
55118 Mainz
Website

Jüdischer Friedhof

Durch den Mainzer Stadtbaumeister Eduard Kreyßig wurde 1880 ein neuer jüdischer Friedhof an der Unteren Zahlbacher Straße neben dem Mainzer Hauptfriedhof angelegt. Damit lief die Nutzung des alten Friedhofes Judensand in der Mombacher Straße aus. Am Eingang des Friedhofs befindet sich eine 1948 angebrachte Gedenktafel mit der Inschrift: „Unseren Opfern zum Gedenken. Den Mördern zur Schande. Den Lebenden zur Mahnung.“ Die Gräber blieben während des NS-Regimes und der Kriegszeit unversehrt. Bis heute werden Mitglieder der jüdischen Gemeinde hier beigesetzt.

Bitte beachten Sie, dass der Friedhof nicht öffentlich zugänglich ist.


Jüdischer Friedhof  Mainz

Kontakt

Jüdischer Friedhof
Untere Zahlbacher Straße
55131 Mainz

Synagoge Weisenau

Die Synagoge in Mainz-Weisenau wurde 1737/38 erbaut. Sie ist die einzige Synagoge in Mainz, die die Zeit des Nationalsozialismus und die Bombenangriffe überdauerte und das älteste noch erhaltene Gebäude in Weisenau. Da die Weisenauer jüdische Gemeinde im 18. Jahrhundert fast ein Viertel der Dorfbevölkerung ausmachte, wurde die Synagoge auf der Wormser Straße errichtet.

Bei der Belagerung von Mainz 1793 wurde die Synagoge schwer beschädigt. Erst 25 Jahre später waren die Schäden behoben. In der Pogromnacht 1938 plünderten und entweihten die Nationalsozialisten die Synagoge Weisenau. Da ein Übergreifen der Flammen auf die benachbarten Häuser befürchtet wurde, setzten sie das Gebäude jedoch nicht in Brand. 1940 wurden die Synagoge und das Grundstück zwangsverkauft und in der Nachkriegszeit als Schuppen und Hühnerstall zweckentfremdet.

Die Synagoge geriet in Vergessenheit, erst 1978 wurde die ursprüngliche Bedeutung des Gebäudes durch die Ausstellung "Juden in Mainz" wiedererkannt. Das versteckt gelegene Gebäude wurde unter Denkmalschutz gestellt, der Landeshauptstadt Mainz übereignet und mithilfe des 1993 gegründeten Fördervereins restauriert. Am 27. Mai 1996 wurde die Synagoge eingeweiht.
Es wurden im Vorhof der Synagoge zwei Mikwen (rituelle Tauchbäder) gefunden, die aus unterschiedlichen Zeitepochen stammen. Diese Mikwen aus der Barockzeit und der Mitte des 19. Jahrhunderts machen die Weisenauer Synagoge einzigartig in Deutschland.


Synagoge Weisenau Inschrift Synagoge Weisenau

Kontakt

Synagoge Weisenau
Wormser Str. 31
55130 Mainz

Judaica-Sammlung im Landesmuseum Mainz


Das Landesmuseum beherbergt eine Sammlung jüdischer Kultgegenstände, überwiegend Gold- und Silberschmiedearbeiten des 18. und 19. Jahrhunderts. Diese stammen aus der Sammlung des „Vereins zur Pflege jüdischer Altertümer in Mainz“, der am 3. Oktober 1926 das Museum jüdischer Altertümer im Seitentrakt der 1912 eingeweihten Hauptsynagoge in der Mainzer Neustadt eröffnete. Das Museum wurde in der NS-Zeit von den Nationalsozialisten geschlossen. Ein Großteil der Bestände an Kultgegenständen, Dokumenten und Handschriften wurde in der Pogromnacht vom 9. November 1938 zerstört. Von den geretteten Kultgegenständen ist ein großer Teil als Dauerleihgabe der Jüdischen Gemeinde in Mainz im Landesmuseum ausgestellt.